…oder eine weitere einseitige Betrachtung einer merkwürdigen Welt.

In letzter Zeit stelle ich mir häufiger die Frage, ob es einen Gott – ganz egal, was man ihm für einen Namen geben will – wirklich gibt. Ich arbeite zurzeit an einer Geschichte, die sich um eben jenes Thema dreht, aber auch im realen Leben ist es eine zentrale Frage, auf die ich nun endlich eine Antwort gefunden habe.

Eigentlich wurde sie mir schon letztes Weihnachten bewusst. Ha, wie passend! Wer allerdings glaubt, ich hätte eine Begegnung mit Jesus gehabt, der täuscht sich, obwohl ich meine, ich hätte ihn am Boden meines Kotzeimers hämisch lächeln sehen. Jedenfalls hatte ich mich sehr auf dieses Weihnachten gefreut. Alles war perfekt geplant, alle hatten Geschenke, die sie erfreuen würden, es hat nie ein besseres Weihnachtsfest gegeben, wie an jenem 24.Dezember. Allerdings währte die Freude nicht lange. Schon in der Nacht begannen meine Gedärme zu rebellieren und am 1.Weihnachtsfeiertag hab ich mir dann die Seele aus dem Leib gereiert. Und ich dachte: “Hey, Gott, ich hab mich so abgemüht für dieses Fest, ich hab echt meinen letzten Cent für die gegeben, die mir was bedeuten und wollte allen eine Freude machen und jetzt lässt du mich dafür kotzen?” In diesem Moment hab ich echt angefangen zu weinen, weil ich es einfach nicht für möglich hielt, dass das Leben so gemein sein kann. Mein Papa hat mich dann in den Arm genommen und gefragt, was los ist. Meine Mama hat gleich mitangefangen zu weinen und ich saß nur da und hab geflennt. In diesem Moment war mir klar, es gibt einen Gott und er ist ein verdammt großes Arschloch!

Eigentlich hätte es mir schon viel eher bewusst werden können. Denn immer, wenn ich irgendwie glücklich war, kam irgendetwas dazwischen, was all das wieder zerstörte. In meinem zweiten Semester hier an der TU, als alles prima lief und ich gerade begann, auch ein paar Freundschaften zu knüpfen, fing es wieder an. Ich hatte endlich eine eigene Wohnung, ich hatte Michi und Ruki, den Ersten, alles hätte perfekt sein können und dann kam es. Mein Magen rebellierte. Nicht nur etwa an einem Tag, nein! Es wäre auch zu einfach gewesen, hätte ich all das Böse einfach ausgekotzt, nein, diesmal hielt es Monate an, dauerte von April bis in den späten August hinein. Andauernd war mir schlecht, ich saß ständig beim Arzt. Die Tropfen halfen nicht, die nächsten Medikamente rein. Eine Ultraschall-Untersuchung hat auch nichts gebracht. Und in der Uni hab ich jede Stunde geschwitzt und gegen den permanenten Brechreiz angekämpft. Aus und vorbei mit der Freude über das neue “Eigenheim” und den zweiten Start ins Unileben.

Und auch jetzt ist wieder so eine Zeit, wo ich mich frage: “Warum kann ich nicht mal ein Stück glücklich sein, ohne dass mir jemand oder etwas dazwischen funkt?” Die letzten paar Wochen waren großartig. Die Ferien waren fantastisch, ich hatte viel Freizeit, die ich gut nutzen konnte, ich hatte Spaß, endlich seit Monaten nach der Katastrophe bei diesem Verlag (auch wieder ein Beweis für den zynischen Gott). Als die Uni begann, lief es auch super. Dieses Semester ist nicht ein einziges Seminar oder eine einzige Vorlesung dabei, auf die ich überhaupt gar keine Lust habe oder die mir irgendwie Angst machen würde. Die Dozenten sind prima, und ja, auch die Kommilitonen. Ich glaube, ich habe in noch keinem Semester so schnell so viele Kontakte geknüpft, mit sovielen Leuten gesprochen, wie in diesem. Aber jetzt geht es wieder los. Es liegt eine Verstimmung in der Luft. Nicht nur, dass es mir körperlich schon seit mehreren Tagen wieder schlecht geht, nein, es gibt wieder Menschen, die einem alles versauen. Menschen, über die man sich vielleicht nicht aufregen sollte, aber die man eben einfach nicht ausblenden kann.

Gestern Abend beispielsweise werde ich von einer Frau angesprochen, die ich im Internet kennen gelernt habe (solche “Kontakte” werde ich in Zukunft nicht mehr knüpfen). Sie war der Meinung, sie bräuchte jemandem, mit dem man ganz viele Mails austauscht, viel kommuniziert, blabliblubb, übliches Geschwafel einer Lesbe. Nach zwei Mails und zweimal bei MSN schnacken, war’s vorbei. Ich in meiner guten Phase, hab mir rein gar nichts daraus gemacht. Hab sie einfach aus meiner MSN-Liste gelöscht, fertig. Gestern Abend nun, als ich gerade mit Tediam Dr.House genießen wollte, meldet sie sich plötzlich wieder und fragt, wer ich denn überhaupt sei. Nach drei Wochen! Ich erkläre ihr, dass es ihr im Prinzip scheißegal sein kann, weil den Kontakt hat sie ja zuvor indirekt schon beendet. Und sie: “Okay, wenn du nich’ willst, auch okay.” Und ich denke nur bei mir: “Gut zu wissen, wie viel ein Mensch einem anderen Menschen bedeuten kann.” Nämlich rein gar nichts! Im Internet ist es ja sowieso sehr viel einfacher, schnell geknüpfte Kontakte alsbald auch wieder los zu werden. Die Anonymität verleitet dazu und ich habe den Eindruck, dass das heute noch viel stärker so läuft, als beispielsweise noch vor fünf oder sechs Jahren. Im richtigen Leben ist es eben nicht so einfach, einem Menschen aus dem Weg zu gehen. Obwohl, doch, auch da.

Auch im realen Leben kann man Menschen deutlich zeigen, was man von ihnen hält. In den meisten Fällen eben (siehe oben) gar nichts. Anja beispielsweise. Wir sehen uns in der Uni nicht mehr und hatte sie noch vor Wochen getönt: “Wir können uns doch trotzdem schreiben.” kam bis jetzt eine Mail, in der es hieß: “Ich hab Stress.” Alles verständlich. Ohja, man bringt viel Verständnis auf, bis zu dem Punkt, an dem man diese Worte das vierhundertste Mal gehört hat und vielleicht auch aus den Mündern jener, von denen man glaubte, dass sie einen mögen. Irgendwann wird es verdächtig, man fragt sich, ob diese Worte nicht einfach heißen: “Mein Gott, kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen?” Aber eben das werde ich tun. Bei allen, bei denen ich merke, dass sie mich nicht mögen oder scheinheilige Ausreden erfinden, um mich einfach los zu werden, werde ich sagen: “Bitte, ich bedarf deiner nicht.” Und seien es auch angeblich gute Freunde, die einen zwar jeden Tag gruscheln, aber nicht mal auf SMSen antworten können.

Und so komme ich wieder auf Gott zurück. Es wird viel darüber diskutiert, wie man eine Religion auffassen – um nicht zu sagen interpretieren – muss. Klären wir mal mein Verständnis von einem Gottesglauben:

Gott ist der Schöpfer des Universums, denn mir fällt es einfach schwer, dass aus dem Nichts ein Universum entstanden sein soll und wir haben uns innerhalb des Universums entwickelt. Nein, ich bin nicht der Meinung, dass Gott uns Menschen schon in unserer angeblichen Perfektion – obwohl nein, die Frau ja nur in ihrer angeblichen Rippen-Perfektion – geschaffen haben soll. Und mal ehrlich, wer will denn bitte von Inzest-Kindern abstammen? Also, wir haben uns in Gottes Universum entwickelt und es mag sein, dass er dem einzelligen Lebewesen, aus dem wir uns letztendlich entwickeln sollten, eine Seele eingehaucht hat. Wohin diese Seele geht, male ich mir wie folgt aus. Ich wurde sehr durch den Film Hinter dem Horizont geprägt. In diesem gibt es ein kleines Land für all die Toten, in dem sie das Glück finden, was ihnen auf Erden verwährt wurde und irgendwann haben sie die Möglichkeit dazu, wiedergeboren zu werden. Es mag jenes Reich auch nicht geben. Fest steht für mich, dass meine Seele nach meinem Tod nicht einfach verlischt, wie es mein Körper tut, sondern dass sie weiter existiert, in einen neuen Körper schlüpft und einen weiteren Anfang unternehmen kann. Ziel meiner Seele ist es nun, das Böse zu meiden und das Gute zu erkennen. Ziel meiner Seele ist es nicht: Minderheiten zu unterdrücken und im Namen einer scheinheiligen Religion Krieg gegen andere Religionen zu führen. Ziel meiner Seele ist es nicht: mich von habgierigen, alles bestimmenden Männern, aussäckeln zu lassen und mir anhören zu müssen, dass dies alles im Sinne einer Kirche geschieht. Ziel meiner Seele ist es nicht: perfekt zu sein. Gut, aber nicht perfekt.

So in etwa sieht mein Gottesglauben aus. Es gibt in ihm keine Vorschriften, von wegen “Liebe deinen Nächsten”, aber schlag dem nächsten Juden den Schädel ein, weil er nicht daran glaubt, woran du glaubst. In meinem Glauben sind tatsächlich alle Menschen gleich und nicht die Frau, die ewige Sünderin, dem Manne untergeordnet und die Homosexuellen sind noch viel weniger wert, weil sie aus der Welt Sodom und Gomorrha machen würden. Nur sehe ich meinen Glauben in der Welt keinesfalls bestätigt und finde ihn auch in meinem alltäglichen Leben nicht bestätigt. Ich glaube nämlich an einen Gott, der gerecht ist, aber den gibt es nicht. Er bestraft jene, die versuchen, in ihrem Leben gut zu sein und belobigt die, die ihr Leben lang nur morden, rauben, stehlen, verhöhnen, demütigen. Die belobigt er und schenkt ihnen Glück und Liebe, die es gar nicht verdient hätten. Und tut mir Leid, mir erschließt sich kein tröstlicher Gedanke, wenn es heißt: “Aber nach seinem Leben wird er in der Hölle schmoren.” Aus dem einfachen Grund, weil es keine Hölle gibt. Es gibt keinen Teufel, es gibt nur einen Gott, der seine Schöpfung zu seiner Belustigung missbraucht. Es gibt einen Gott, der die Menschen dazu bewogen hat, sich Religionen zu schaffen, die sich gegenseitig vernichten wollen. Nicht einmal mein geliebter Buddhismus ist mehr in der Lage mein Bild einer gerechten Religion aufrecht zu erhalten, weil ein Dalai Lama verkündet, dass Homosexualität eine Sünde sei.

Für einen Menschen wie mich, gibt es keine passende Religion. Ich bin eine Frau, damit fallen ja im Prinzip schon alle Religionen für mich weg, in denen ich mich gleichberechtigt fühlen möchte. Noch dazu bewege ich mich gedanklich-geschlechtlich zwischen zwei Stühlen, habe mich für die Asexualität entschieden und werde demnach niemals Kinder zeugen, was bedeutet, dass ich auch da schon wieder, nach Ansicht der Religionen, ein minderwertiges Wesen bin. Die Religion sagt mir also von vornherein, dass ich nichts wert bin. Die Menschen lassen mich jeden Tag spüren, dass ich nichts wert bin.

Gott hat nach meiner Auffassung und der Auffassung anderer eben die Menschen geschaffen und die Menschen die Religion. So komme ich zu dem Schluß, dass Gott nicht nur der Anfang allen Übels ist, sondern dass ihm seine Schöpfung, und ich wäre ja so gesehen ein Teil davon, nichts wert ist.

So dient mir mein Gottesglaube nur zu einem einzigen Zweck: ich habe endlich einen Sündenbock für mein ganzes Leben gefunden. Wann immer ich nun die Möglichkeit habe, werde ich Gott beschuldigen, dass er mein Leben verhunzt. Andere begründen ihr ganzes Leben auf Gott, ich werde nur meine Misserfolge auf ihn begründen. Das heißt für heute: Gott ist daran Schuld, dass es mir schlecht geht und ich allen Menschen egal bin. Jetzt kann ich mich entspannt zurücklehnen und muss keine Verantwortung mehr für meine Taten übernehmen. Oh, mir fällt grad auf, dass ich mich nun doch zum ersten Mal so verhalte, wie Millionen anderer Gläubiger. Tediam, ich bin endlich mal so wie die Anderen! JUHU!