In den letzten Wochen und Monaten wurde in den Medien aktiv über die Schließung der Karstadt-Filialen gesprochen, zu denen auch das Hertie-Unternehmen gehört. Meine kleine Heimatstadt Görlitz ist als einzige ostdeutsche Stadt ebenfalls Heimat eines Hertie-Kaufhauses. Vormals in den Jahren 1912/13 als „Kaufhaus am Strauß“ gegründet, ging das Kaufhaus Ende der Zwanziger Jahre in den Besitz von Karstadt über und wurde erst vor vier Jahren zu Hertie.
Dass Fehlwirtschaft maßgeblich Schuld an dem Niedergang der einstmals großen Kaufhaus-Kette ist, kann ich gut nachvollziehen. Karstadt/Hertie hat sich auch bei uns immer wieder als ein Geschäft ohne Zukunft erwiesen. Die Preise sind zu hoch, die Vielfalt hat sich erst in den letzten Jahren ein wenig gebessert, früher wurde eher ein älteres Publikum angesprochen, mittlerweile wird größtenteils teure Markenware verkauft, insgesamt wirkt das Unternehmen spätestens seit der Eröffnung des City Centers mit dem preiswerteren Elektro-Geschäft Expert und den verschiedenen Kleidungsgeschäften nicht konkurrenzfähig. Hinzu kommt die Nähe zur größten Geschäftsstraße in Görlitz, der Berliner Straße, auf der mittlerweile genügend preiswertere Kleidungsgeschäfte eröffnet wurden. Schlimmer noch erscheint das heillose Durcheinander verschiedener Sparten im Erdgeschoss, das mit einer Mischung aus Schmuck, Buchangebot, Schreibwaren, Süßigkeiten und allerlei „Krimskrams“ schon beim Eintritt verwirrt und eher wie eine Behelfslösung wirkt. In den letzten Jahren war Hertie eigentlich nur noch aufgrund des historischen Gebäudes ein Blickfang für die zahlreichen Touristen (und gerade dieses Publikum hat man einfach zu wenig angesprochen, wenn ich bedenke, dass sich ausgerechnet die Schmuckabteilung am Eingang befindet). Meckern konnte man eigentlich nie über die Angestellten, die auch in den letzten Jahren des sicheren Abstiegs freundlich blieben. Diese etwa 50 Mitarbeiter werden, falls sich die vorgeschlagene Einzellösung für das Hertie in Görlitz nicht umsetzen lässt, ihre Arbeitsstellen verlieren.
In einer Stadt wie Görlitz, die noch vor ein paar Jahren soweit östlich lag, das sie bei Google Earth gar zu Polen gezählt wurde, sind 50 weitere Arbeitslose ein herber Schlag. Mit fast 28 Prozent Arbeitlosenquote liegt Görlitz so schon weit genug über dem deutschen Durchschnitt. Leider hat unsere historische Stadt nicht genügend Arbeitsplätze zu bieten. Seit Jahren sinken die Beschäftigungsmöglichkeiten, Geschäfte halten sich (insofern sie nicht „Billig-Waren-Ketten“ sind) nicht länger als schätzungsweise 5 Jahre, Ausbildungsplätze sind rar und entsprechend umkämpft. So ist es nicht verwunderlich, dass der Rentneranteil in Görlitz weit über dem Durchschnitt liegt. Görlitz wird alt, weil die Jugend keine Perspektiven mehr hat und fortgehen muss.
Dass Görlitz aber viel zu bieten hat, zeigt die Tendenz, dass viele Rentner aus dem Westen durchaus darüber nachdenken, sich im Osten zur Ruhe zu setzen. Außerdem ist deutlich, dass es auch sehr viele jüngere Einwohner gibt, die in der Stadt bleiben würden, gebe es nur die Möglichkeit, eine vernünftige Arbeit zu bekommen. Auch die Filmbranche hat Görlitz mit seiner historischen Altstadt in den letzten Jahren zunehmend entdeckt, Filme wie „In 80 Tagen um die Welt“ und „Der Vorleser“ wurden teilweise in Görlitz gedreht. Ja, sogar Brad Pitt war Gerüchten zufolge schon einmal zu einem Filmdreh eines spanischen Kriegsfilms (?) in unserer schönen Stadt. Ja, Brad Pitt, meine Damen und Herren
. Außerdem hat Görlitz, zusammen mit Zittau, eine Hochschule, deren Angebot breit gefächert ist (leider kein Germanistik, sonst wäre ich sofort da geblieben).
Görlitz ist eine typische Kleinstadt, könnte man sagen. Aber ich glaube, für einen Gutteil der Einwohner ist sie viel mehr als das. Görlitz ist nicht „weit ab vom Schuss“. Dresden erreicht man mittlerweile mit der Bahn in einer guten Stunde, Berlin ist mit drei Stunden zumindest für einen Wochenendausflug bestens geeignet, nach Leipzig braucht man bei guter Verbindung etwa zwei Stunden. Es hat alle Notwendigkeiten wie ein Kino (inklusive mehrerer Alternativkino), ein reichhaltiges Kulturangebot, preiswerte, aber auch exklusive Einkaufsmöglichkeiten, ein sehr schönes Theater, die ein oder andere „Disse“, eine neu gestaltete Stadtbibliothek, ein neues Schwimmbad und ja, sogar einen Tierpark
. Görlitz ist sicher nicht Dresden, Hamburg oder Frankfurt am Main, aber es besitzt Lebensqualität, Atmosphäre und anders als Großstädte auch einmal ein wenig Ruhe.
Es betrübt mich zutiefst zu sehen, welchen Weg unsere Stadt einschlägt. Es drängt sich zunehmend der Eindruck auf, dass gerade für die Jugend nichts mehr getan wird. Anstatt das große Gebäude des ehemaligen Waggonbaus in ein ansprechendes Jugendzentrum umzubauen, wird die Polizei hinein verlegt. Obwohl Görlitz anhand seiner Lage zu Polen ein guter Standort für neue, länderüberschreitend orientierte Unternehmen wäre, ist in den letzten Jahren kaum etwas in dieser Hinsicht geschehen (außer dass sich Görlitz aufgrund der Grenzöffnung mehr und mehr tatsächlich zu einem polnischen Städtchen entwickelt). Natürlich ist Tourismus ein wichtiger Aspekt, vor allem in Anbetracht des gestiegenden Interesses an unserer Stadt. Es bringt Geld, das leider des Öfteren in den letzten Jahren fehlinvestiert wurde. Doch zu wenig wird getan, um Görlitz vor allem für die Jugend und jüngere Arbeitnehmer attraktiv zu gestalten.
Trotz alledem: Görlitz ist eine Heimat, ein warmes geborgenes Nest, das die Meisten leider erst dann zu schätzen wissen, wenn sie es verlassen müssen. Aber ich weiß zumindest, dass ich immer wieder gerne in meine Heimat zurückkehren werde. Ist Görlitz doch die schönste Stadt des Ostens (Achtung, rein subjektiv
), deren Besuch auf jeden Fall lohnt. Umso mehr hoffe ich, dass das Hertie, wenn auch vielleicht unter anderem Namen mit anderer Unternehmensstruktur, erhalten bleibt. Damit wenigstens diese Arbeitsmöglichkeit weiterhin besteht…
Juni 25, 2009 at 11:14
Tja, das ist echt ein Jammer, das mit Hertie. Aber ich glaube, dass die mangelhafte Anpassungsfähigkeit des Kaufhausriesen beim Niedergang eine große Rolle spielt. Diese Warenhäuser sind in dieser schnellebigen „Geiz-ist-geil“-welt einfach nicht mehr zeitgemäß. Man hat versucht auf alle Hochzeiten zu tanzen, vom Lebensmittelmarkt bin hin zu Unterhaltungselektronik. Das war früher zumindest in Kleinstädten auch gut so, weil die Einwohner dort dann einen festen Anlaufpunkt hatten, wo sie alles bekommen konnten. Als Karstadt übrigens – welche Ironie – mit seinen Warenhäusern in immer mehr kleinstädtische Fußgängerzonen gedrängt ist, haben sich damals die kleinen Einzelhändler durch den Riesen, der fast alles einen Tick billiger anbieten konnte, bedroht gefühlt.
Heute gibt es fast für alle Sparten Diskounter – Kik für Kleidung, ALDI für Lebensmittel, Media Markt für Elektronik, Praktiker für Heimwerkerbedarf etc. – da kann Karstadt/Hertie einfach aufgrund seiner mangelnden Spezialisierung nicht mehr mithalten. Dieser Typus Geschäft stirbt, auch wenn das weh tun mag, und wir sind mit unserer Sparwut selbst Schuld dran. Nur, trösten wird das die Angestelltan auch nicht.
Übrigens finde ich persönlich, dass Görlitz viel zu bieten hat, was die Lebensqualität angeht. Da stimme ich dir absolut zu. Ich könnte mich da schnell zuhause fühlen. Und wenn ich deine Visionen so lese, Robbe – solltest du vielleicht doch in die Kommunalpolitik gehen
Juni 26, 2009 at 9:51
Der Kriegsfilm heißt „Inglourious Basterds“.